was successfully added to your cart.

Schüchterne Kinder – von Draufgängern und Mauerblümchen

Sie sind still, in sich gekehrt, wehren sich nicht gegen Vordrängler und bemühen sich im Unterricht unsichtbar zu sein – schüchterne Kinder. Eltern sehen das oft mit Sorge. Alles über stille Kinder und wie sie Ihrem Kind helfen können, seine Schüchternheit zu überwinden.

Als Kind war ich selbst eines von Ihnen: Ein schüchternes Kind. Am liebsten hatte ich meinen Platz ganz hinten im Klassenzimmer – war unauffällig, beinahe unsichtbar. Immer in der Hoffnung, dass der Lehrer mich übersieht – nicht, weil ich den Stoff nicht konnte, oder die Antwort auf die Frage nicht wusste – sondern vielmehr, weil ich mich nicht getraut habe, offen und vor allen anderen das Wort zu ergreifen. Referate und Gedichte waren die Hölle für mich.

Schüchterne Kinder

Die Pausen waren auch nicht unbedingt die schönste Zeit des Schultages. Ich kann ehrlich sagen, dass es mich oft einfach überfordert hat, mit dieser Masse an aufgedrehten Kindern konfrontiert zu sein, gegenüber denen man sich beweisen und durchsetzen musste. Heute ist das zum Glück anders – im Lauf meiner Schulausbildung, Studium und beruflichen Karriere ist von dem kleinen, schüchternen Mädchen nichts mehr übrig geblieben. Wie es so schön heißt, wächst man an seinen Aufgaben und Herausforderungen. Rückblickend würde ich mir mein jetziges Selbstbewusstsein auch für meine Schulzeit wünschen. Sicherlich hätte ich dann ganz andere Erfahrungen gesammelt und vor allem viel mehr und intensiver erlebt.

Was mir oft auffällt ist, dass man schüchternen Kindern gegenüber mit Unverständnis begegnet. Als Erwachsener kann man meist nicht nachvollziehen, warum „sich das Kind da jetzt so ziert“, vielleicht keine Lust hat, sich zum Spielen mit anderen Kindern zu verabreden, Vordrängler einfach so gewähren lässt und es nicht schafft, eine Bestellung beim Bäcker aufzugeben, und stattdessen so still und ruhig ist.

Eines ist jedoch klar: schüchterne Mädchen und Jungen leiden darunter, anders als die anderen zu sein. Das positive: Es gibt Strategien, wie Sie Ihrem Kind helfen können, seine Schüchternheit zu überwinden.

Was aber genau ist Schüchternheit?

Laut Wikipedia versteht man unter Schüchternheit die Ängstlichkeit eines Menschen beim Anknüpfen zwischenmenschlicher Beziehungen. Im Gegensatz zu Scham, Verlegenheit, Lampenfieber, die sich nur in speziellen Situationen zeigen, bezeichnet Schüchternheit die allgemeine Neigung eines Menschen, auf die Begegnung mit nicht vertrauten Menschen mit Verunsicherung oder Furcht zu reagieren.

Schüchternheit äußert sich auf verschiedene Weise. Körperliche Anzeichen sind zum Beispiel Erröten, Herzklopfen, ein flaues Gefühl in der Magengegend. Beklemmtheit, Rückzugsverhalten, Unbeholfenheit aber auch hohe Selbstaufmerksamkeit bis hin zur Selbstablehnung sind Symptome.
Schüchterne Kinder fühlen sich immer wie auf dem Präsentierteller, sie fürchten die Begegnung mit anderen und haben Angst davor geringschätzig behandelt oder abgelehnt zu werden. Erleben Sie eine negative Erfahrung, nehmen sie sich das besonders zu Herzen. Um solche Erlebnisse zukünftig zu vermeiden, gehen Sie auf Abstand und halten sich lieber zurück.

Warum aber sind mache Kinder aktiv und stehen mitten im Leben – und andere nicht?

Ist Schüchternheit genetisch veranlagt, oder handelt es sich um ein erlerntes Verhalten? Laut einer Studie des Psychologen Carl E. Schwartz und seinen Kollegen von der Harvard Universität kann Schüchternheit sehr wohl angeboren sein. Laut Carl E. Schwartz entscheidet es sich oft schon in frühester Kindheit, ob ein erwachsener Mensch gegenüber anderen Personen oder unbekannten Situationen mit übersteigerter Angst reagiert. Die Ursache dafür liegt in der Aktivität einer als Mandelkern (Amygdala) bezeichneten Hirnregion. Diese kleine, mandelförmige Hirnstruktur wird einerseits mit Angstgefühlen, andererseits mit Abenteuerlust und Mut in Verbindung gebracht. Dadurch kann es sein, dass ein Mensch lebenslang mit seinen „Empfindlichkeiten“ kämpfen kann.

Auf der anderen Seite schauen sich Kinder aber Unsicherheit auch bei den Eltern ab. Die Gene sind also nicht alleine verantwortlich. In Familien, in denen Kinder sich durch Schüchternheit auszeichnen, kann beobachtet werden, dass oft auch die Eltern ein zurückgezogenes und vorsichtiges, sehr familienorientiertes Verhalten führen. Eltern die ihre Kinder sehr stark behüten und ihnen alles abnehmen verstärken durch Ihr Verhalten eher die Tendenz zur Schüchternheit.

Stille Kinder werden in der Schule leicht übersehen

Das ist leider oft ein Problem schüchterner Kinder. Zurückhaltende, unsichere Persönlichkeiten werden im Unterricht leider schnell übersehen. Sie melden sich nicht gerne freiwillig, verstecken sich hinter den anderen und sprechen die Lehrer so gut wie nie von sich aus an. So kommen Zeugnisbemerkungen wie: „die ruhige, zurückhaltende Schülerin arbeitete meist fleißig mit und meldet sich mittlerweile häufiger“ zustande, obwohl das Kind Zuhause sehr wissbegierig und mitteilsam ist. Mangelnde mündliche Mitarbeit ist oft ein Thema, wenn es um die Beurteilung am Jahresende geht. Schüchterne Kinder melden sich meist erst dann, wenn sie sicher sind, dass ihre Antwort auch wirklich richtig ist, nur um sich nicht vor den anderen zu blamieren.

Haben Eltern das Gefühl, dass ihr Kind vom Lehrer übersehen wird, sollten Sie das Gespräch mit diesem suchen. Da die stilleren Kinder ihre Persönlichkeit zurückhalten, fällt es den Lehrern oft schwerer eine Beziehung zu ihnen aufzubauen, als mit den lauten und auffälligen Schülern.

Allerdings brauchen Eltern sich auch keine Sorgen machen, dass die Leistungen ihrer Kinder, nur weil sie nicht zu den temperamentvollen Schülern gehören, hinter diesen zurückbleiben. Laut einer Schweizer Studie liegen die Noten schüchtern veranlagter Kinder zwar im Schnitt unter denen der anderen – allerdings fällt diese Abweichung nur sehr gering aus und kann damit vernachlässigt werden.

Was kann nun also tun, um den Kind zu helfen?

1. Positiv an die Situation herangehen

Schüchternheit ist kein Makel oder Defizit der Kinder. Nehmen sie die Eigenschaften Ihres Kindes so an, wie sie sich entwickeln. Unterstützen Sie Ihr Kind und fördern Sie Hobbies und Leidenschaften, mit denen es sich wohl fühlt, das stärkt das Selbstbewusstsein. Zuneigung und Aufmerksamkeit bilden ein starkes Fundament.

2. Selbsteinschätzung stärken

Helfen Sie Ihrem Kind sein Selbstwertgefühl aufzubauen. Entkräften Sie Aussagen wie „das kann ich doch sowieso nicht“ und setzen Sie positive Erlebnisse „aber das hast Du schon mal sehr gut gemacht und das hat doch Spaß gemacht“ dagegen.

3. Aufbau von sozialen Kontakten

Auch wenn es schwer fällt – unterstützen Sie die Kinder, Freundschaften zu schließen und sich zum Spielen zu verabreden. Sollte Ihr Kind das nicht immer alleine schaffen, können auch Sie mit den Eltern der Kinder sprechen und Spieltermine für die Kinder ausmachen. Ihr Kind wird sich an Ihrem positiven Vorbild orientieren.

4. Sport und Hobbies

Wie bereits erwähnt helfen Sport und Hobbies Kindern dazu Selbstbewusst sein zu entwickeln. Erfolge und positive Erlebnisse stärken den Selbstwert. Sportarten wie Judo und Karate eignen sich sehr gut, da Kinder hier ihre Durchsetzungsfähigkeit trainieren können. Mannschaftssportarten wie Fußball oder Volleyball stärken den Gemeinschaftssinn.
Und wer nicht so gerne sportlich aktiv ist, für den bieten sich Hobbies wie Mitgliedschaften im Chor bei den Pfadfindern an. Hier können die Kinder leicht Freundschaften schließen und kameradschaftliche Erfahrungen sammeln.

5. Geduld und Vertrauen

Geben Sie sich und Ihrem Kind Zeit für die Entwicklung. Thematisieren Sie nicht unnötig die Schüchternheit, denn dies wird oft kränkend und verurteilend empfunden. Das schüchterne Kind wird kaum darauf regieren – oder sich „wehren“ können. Auch immer wiederkehrende Hinweise sich doch endlich zu trauen bewirken eher das Gegenteil. Unter Druck gesetzt wird die Angst nur noch größer. Den Kindern ist ihre Situation meist sehr wohl bewusst. Nur aus eigener Kraft können sie nicht aus „ihrem Schatten“ heraustreten. Drängeln Sie es also nicht, schüchterne Kinder müssen sich in neue Situationen erst hineinfinden. Sie werden das in ihrem Tempo tun, wenn Sie es unterstützen. Denn bekanntlich sind „stille Wasser besonders Tief“.

6. Körpersprache trainieren

Unsichere Kinder erkennt man meist an ihrem Auftreten. Sie sitzen und gehen mit gebeugten Schultern, blicken auf den Boden und bewegen sich zaghaft. Mit einfachen Übungen können Sie die Selbstwahrnehmung ihres Kindes fördern:

  • Standfestigkeit trainieren

Wer mit beiden Beinen auf dem Boden steht, wirkt sofort selbstbewusster. Unsichere wackeln gerne von einem Bein auf das andere, dabei kann man aus einem festen Stand viel mehr Kraft schöpfen. Das kann man vor dem Spiegel sehr gut üben.

  • Sich größer machen

Wer aufrecht durchs Leben geht wirkt selbstbewusst. Auch das kann man vor dem Spiegel gut üben. Die Kinder werden erstaunt sein, wie die Außenwirkung sich verändert, wenn man sich gegenüber den Anderen aufrichtet und gerade geht und steht.

  • Die Begrüßung

Ein schlaffer Händedruck symbolisiert Ängstlichkeit. Üben Sie mit Ihrem Kind die Begrüßung – wer fest zupackt und dem anderen in die Augen schaut, beweist durch diese Geste Selbstvertrauen.

  • In die Augen schauen

Schüchterne tun sich oft schwer anderen in die Augen zu sehen. Hier gibt es einen kleinen Trick: man kann dem anderen einfach auf die Nasenwurzel blicken. Dadurch wird das Unwohlsein des totalen Blickkontaktes vermieden, und das Gegenüber bemerkt den Trick nicht.

  • Bestellungen aufgeben üben

Begleiten Sie Ihr Kind in Situationen, in denen es unsicher ist bei den ersten malen. Es wird sich an Ihrem Vorbild orientieren. Erklären Sie ihrem Kind, wie es eine Bestellung aufgeben kann und geben Sie ihm Tipps.

Verurteilen oder Betrafen Sie Ihr Kind nie für seine Schüchternheit. Jedes Kind hat sein eigenes Wesen und Temperament, Talente und Eigenschaften. Welche davon als gut oder hinderlich wahrgenommen werden, gibt in der Regel unsere Gesellschaft vor. Diejenigen die laut sind, sich in den Vordergrund stellen und auffällig sind, finden meist mehr Beachtung. Wir sollten jedoch Rücksicht nehmen, denn gerade die, die im Schatten stehen und weniger Aufmerksamkeit erfahren, können uns am meisten überraschen.

Bücherempfehlungen:

• Sabine Ahrens-Eipper, Katrin Nelius, Uwe Ahrens: „Mutig werden mit Til Tiger: Ein Ratgeber für Eltern, Erzieher und Lehrer von schüchternen Kindern“ Hogrefe-Verlag, ISBN-13: 978-3801722029
• Elizabeth Shaw: Der kleine Angsthase. Beltz | Der KinderbuchVerlag ISBN-13: 978-3407770813
• Nele Most, Doris Rübel: Timotarzan traut sich was! Ravensburger Buchverlag, ISBN-13: 978-3473332816
• Maurice Sendak: „Wo die wilden Kerle wohnen“Diogenes, ISBN-13: 978-3257005134
• Dr. Doris Schüler: Schüchterne Kinder stärken: Wie sie Ängste überwinden, ihre Gaben entdecken und die Persönlichkeit entfalten. amondis Verlag ISBN-13: 978-3943036008